Sunday, June 26, 2022

Bret Easton Ellis - American Psycho

American Psycho von Bret Easton Ellis erschien 1991 und wurde in Deutschland 1995 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf den Index gesetzt - erst seit 2001 ist der Roman in Deutschland frei verkäuflich. Das ist für einen "Klassiker" der amerikanischen Literatur schon bemerkenswert. In den USA ist es unter den Top 100 der "most banned and challenged books"
und auch in anderen Ländern gab und gibt es Auflagen.

Der Inhalt ist schnell zusammengefasst: Der 26jährige Patrick Bateman ist Investment Banker und steinreich. Er sieht gut und gepflegt aus, bewegt sich in den "besten Kreisen" und ist intelligent. Leider ist er - so sagt er selbst - ein Psychopath. Hinter der Fassade lebt er ein zweites Leben voller Drogen und Gewalt, er misshandelt und tötet Frauen - später auch Männer - zu seinem eigenen Vergnügen.

Anfangs wechselt der Roman zwischen sehr langatmigen Passagen, in denen das Yuppie-Leben von Bateman und seinen Kollegen/Freunden geschildert wird, und den düsteren Gewalteskapaden.
Ersteres dreht sich egoman um das äußere Erscheinungsbild (unendlich viele Schilderungen, wer welche Kleidung von welcher Marke trägt) und Restaurantbesuche, bei denen es weniger um das Essen als um das Sehen und Gesehen werden geht. Hier kriegt die Fassade schon erste Risse, denn ständig werden Personen verwechselt, nicht erkannt oder mit falschen Namen angeredet. Was nützt es, top gekleidet in den hippen Lokalen zu sein, wenn man gar nicht als derjenige erkannt wird, der man ist? Natürlich ist das alles massive Kapitalismuskritik, das Schein mit Sein verwechselt, echte Gespräche finden nicht statt, die Personen bleiben stereotyp. Zäh ist es dennoch.
Die Gewaltschilderungen steigern sich im Verlauf des Romans, von anfänglichen Andeutungen, er habe jemanden umgebracht, bis hin zu sehr drastischen Schilderungen von Sex, Mord, bis hin zum Kannabalismus. (Anmerkung: Vor dem Hintergrund ist das Buch sicherlich wirklich nicht für alle Altersstufen geeignet...) Das Ganze gipfelt in einer Art Amoklauf von Bateman, bei dem er wahllos Leute tötet und von der Polizei verfolgt wird - die ihn aber nicht fasst! Statt dessen kehrt er am Ende in sein normales Leben zurück, als wäre nichts gewesen.
Spätestens jetzt muss man hinterfragen, wie verlässlich Patrick Bateman als Erzähler eigentlich ist: schizophrene Züge, massiver Alkohol- und Drogenkonsum und eine zutiefst zynische Haltung gegenüber seinen Mitmenschen und der Gesellschaft. Er will aus der Rolle fallen, er will der Banalität und dem Konsum etwas entgegen setzen - aber tut er es wirklich oder ist am Ende alles gar nicht wahr? Die Grenzen der Realität verschwimmen mehrfach und zunehmend im Laufe des Romans, sogar die Erzählperspektive wechselt kurzfristig, als sähe Bateman sein Leben plötzlich von außen, nachdem er sich sonst in einem unfassbar detaillierten Stream-of-Consciousness ergießt.
Hinzu kommt ein Symbolismus, der mit dem Holzhammer daherkommt, das Musical Les Miserables und die Rückgabe seiner Leihvideos sind nur zwei Beispiele.

Ich gestehe American Psycho gern eine gewisse literarische Bedeutung zu und vor dem Hintergrund seines Erscheinens 1991 ist es sicherlich keine uninteressante Gesellschaftskritik. Als Leseerlebnis fand ich es sehr anstrengend. Die Darstellung aller weiblichen Figuren ist diskriminierend und schlichtweg inakzeptabel, das Namedropping all der 90er-Jahre-Modemarken nervtötend und die Gewaltszenen schwer verdaulich (selbst wenn man durch die aktuellen Thriller einiges gewöhnt ist). Weiterempfehlen würde ich es nicht und ich werde es auch auf keinen Fall ein zweites Mal lesen oder hören.
Das Audiobook hat übrigens ein kleines Vorwort, das vor den drastischen Inhalten warnt - so etwas hatte ich zuvor auch noch nie.

Bret Easton Ellis, American Psycho. Random House Audio 2005.

Friday, June 24, 2022

Andreas Gruber - Todesmärchen

Auch der dritte Band Todesmärchen von Andreas Grubers Reihe um Nemez und Sneijder enttäuscht nicht und hält die Spannung von Anfang bis Ende. 
Quer durch Europa wird eine Reihe von Mordopfern gefunden, denen Zahlen in die Haut geritzt sind. Es dauert nicht lang, bis einem der Ermittler die Ähnlichkeit mit einer Mordserie vor fünf Jahren auffällt - damals löste Sneijder den Fall, weswegen er auch jetzt zu Hilfe gerufen wird. Sabine Nemez, inzwischen ausgebildete  BKA-Kommissarin, soll mit ihm - dem Teamunfähigen - ein Team bilden. Parallel erfahren wir einiges über den damaligen Täter Piet van Loon, der in einer speziellen Haftanstalt in Nordfriesland einsitzt. Es wird klar, dass die Morde mit van Loon zu tun haben müssen, denn die kunstvoll drapierten Leichen verweisen auf verschiedene Märchen, die dieser in einem Theaterstück verwendet hat. Sneijder und Nemez befinden sich in einem Wettlauf mit der Zeit, aber die persönlichen Verwicklungen Sneijders mit van Loon bergen noch viel größere Gefahren...
Es ist wohl die Mischung aus starken Protagonisten, guten Dialogen, einem gut angelegten Spannungsbogen plus einigen überraschenden Wendungen (die man wirklich nicht kommen sieht), die diese Reihe sehr lesenswert macht. Für schwache Nerven sind einige der Szenen wohl nicht geeignet, aber das ist man bei Krimis über Serienkiller ja durchaus "gewöhnt".
Die Lesung von Achim Buch hat mir gut gefallen, sein niederländischer Akzent funktionierte prima. 

Andreas Gruber, Todesmärchen. Hörverlag 2016.

 


Sunday, June 19, 2022

Michael Robotham - Wenn du mir gehörst

Wenn du mir gehörst von Michael Robotham handelt von der Londoner Polizistin Philomena McCarthy. Bei einem Einsatz gerät sie in Konflikt mit einem Detective, der seine Geliebte Tempe offensichtlich verprügelt hat. Sie wird vom Dienst suspendiert, dem Detective geschieht nichts, aber sie freundet sich mit Tempe an. Lange bevor Philomena es selbst bemerkt, wird dem Leser klar, dass diese Freundschaft ungesunde Züge hat. Tempe ist sehr anhänglich und übergriffig, so dass sogar Philomenas Beziehung zu ihrem Verlobten dadurch gefährdet wird... Gleichzeitig kreuzt der Detective immer wieder ihren Weg und scheint eine ständige Bedrohung zu sein.

Die Protagonistin ist einerseits eine selbstbewusste, junge Frau, die sich in der männerdominierten Polizei ihren Weg sucht und sich zu verteidigen weiß, birgt aber unter dieser harten Oberfläche dennnoch große Unsicherheiten, die dazu führen, dass sie fast übertrieben naiv an die Beziehung zu Tempe herangeht. Sie sieht die problematischen Verhaltensweisen erst, als sie ihr förmlich ins Gesicht springen, trotz der Warnungen der Menschen in ihrem Umfeld. Dies steht in Konflikt mit ihrer ursprünglich angelegten Cleverness und Stärke.
Der Psychothriller birgt aber dennoch so viele spannende Wendungen und Verwicklungen, dass man ihn schwerlich beiseite legen kann.

Michael Robotham, Wenn du mir gehörst. Hörverlag 2021.

Friday, June 17, 2022

Cecilia Ahern - Flawed - Wie perfekt willst du sein?

Meine Erwartungen für Flawed - Wie perfekt willst du sein? waren nicht hoch. Schließlich kommt von der Erfolgsautorin Cecilia Ahern eher romantische Unterhaltung als ein literarischee Höhenflug. Ich war für die Popsugar Challenge 2022 auf der Suche nach einer Duologie und Flawed hat nun einmal zwei Teile und war vorhanden (Stadtbibliothek). Ungewöhnlich, dass es sich dabei um eine Young Adult Dystopie handelt, schließlich ist das auch nicht das übliche Schreibrevier der Autorin.

Das Setting ist der realen Welt recht ähnlich in Bezug auf Technologie und auf die generellen sozialen Gepflogenheiten. Jedoch gibt es neben der normalen Gesetzgebung auch noch eine moralische Überwachung: Man muss sich perfekt und integer verhalten, lügt man, verhält sich "inakzeptabel" oder gesellschaftlich illoyal, so kann einen die Gilde verhaften und verurteilen. Die Strafe ist immer Brandmarkung (ja, so mit Brandeisen und einem dicken F für Flawed oder fehlerhaft!) und lebenslängliche gesellschaftliche Ächtung. Diese Regeln - erschaffen, um einen hohen moralischen Standard zu kreieren - führen zu Angst und auch zu Lügen und zu einer Überheblichkeit der "Perfekten" gegenüber den "Fehlerhaften".
Die Protagonistin Celestine gehört mit ihrer Familie zu den perfekten Exemplaren des Systems. Sie ist glücklich und kennt scheinbar keine Probleme. Eines Abends erlebt sie, wie eine Frau in der Nachbarschaft von den Abgesandten der Gilde verhaftet wird - eine Frau, bei der sie sich beim besten Willen nicht vorstellen kann, was sie falsch gemacht haben kann. Erst ab diesem Moment setzt sich Celestine mit dem System, in dem sie lebt, auseinander. Auf einer Busfahrt (Rosa Parks Bezug vermutlich beabsichtigt) fällt sie dann plötzlich aus der Rolle: Sie hilft spontan einem kranken alten Mann, der aber ein Fehlerhafter ist und dem sie laut Gesetz nicht helfen darf. Sie wird verhaftet, verurteilt und mehrfach gebrandmarkt. Der Richter, eigentlich ein Freund ihrer Familie, wird wütend, weil sie sich nicht so verhält, wie er es wünscht, und straft sie mit ungewöhnlicher Härte.
Nach dem ersten Schock und den körperlichen Schmerzen muss sich Celestine nun an neue Regeln gewöhnen, aber auch an das intensive Interesse von Medien, politischen Gruppen und hassenden Mitschülern. Nur sehr langsam verliert sie ihre Naivität und Vertrauensseligkeit und beginnt, über das System und ihre Rolle an dem wachsenden Widerstand gegen die absurde Moralität und Härte der Gilde nachzudenken.

Ich habe schon schlechter konstruierte Dystopien gelesen, allerdings auch bessere. Ich ärgere mich immer über diese naiven Mädchen, die keine Ahnung von gar nichts haben und höchst egozentrisch und unsensibel durchs Leben laufen, um dann plötzlich zu gesellschaftlichen Umstürzlerinnen wider Willen zu werden. Celestine gehört zum Teil auch in diese Kategorie Protagonistin. Die weiteren Charaktere werden im Vergleich eher wenig entwickelt, hätten aber vielleicht Potenzial gehabt, wie beispielsweise Celestines glatt gebürsteter Freund Art, ihre schwer zu durchschauende Schwester Juniper oder auch Celestines Großvater. Nun, vielleicht ergibt sich dafür ja noch Platz im Band zwei. Nahezu völlig unsinnig für den Plot ist hingegen ein junger Mann namens Carrick, der in der Nachbarzelle inhaftiert ist, während sie auf ihren Prozess warten. Obwohl sie fast nichts miteinander sprechen, steigert sich Celestine im weiteren Verlauf in eine massive Verliebtheit hinein, die durch nichts gerechtfertigt ist und komplett aufgesetzt wirkt. Klar, dass er später noch eine Rolle spielen wird, aber hier wurde die Liebesgeschichte sozusagen mit dem Holzhammer in die Geschichte gedrückt. Nicht gut gemacht. 
Gelungen ist meines Erachtens wie geschildet wird, dass man in dieser moralisch höchst anspruchsvollen Gesellschaft niemandem trauen kann. Die wahren Motive der Menschen bleiben stets verborgen, ihre Handlungen sind doppeldeutig, ihr Interesse an Celestine nie ohne Hintergedanken. Manipulation ist allgegenwärtig. Obwohl sie lange nur eines will, nämlich sich wieder anzupassen und ein halbwegs normales Leben zu leben trotz ihrer Brandmarkung, muss sie schließlich erkennen, das dies nicht mehr möglich ist, weil sie ungewollt ein Instrument einer Widerstandsbewegung geworden ist, deren Ausmaß und Motive sie nicht erfassen kann. Zu welchen Konsequenzen dies führt und wie dieser Umbruch weiter verläuft, hat sich die Autorin für Band zwei aufgehoben, Ende Band eins offen.

Cecilia Ahern, Flawed - Wie perfekt willst du sein? Argon 2016.

Thursday, June 16, 2022

Gabrielle Zevin - Die Widerspenstigkeit des Glücks

Gabrielle Zevins Roman Die Widerspenstigkeit des Glücks handelt von dem Buchhändler A. J. Fikry. Nachdem seine Frau, mit der er seine Buchhandlung auf Alice Island zuvor geführt hat, verstorben ist, versinkt er in Selbstmitleid und Alkohol. Er ist wütend auf die Welt und lässt das eines Tages auch die Verlagsvertreterin Amelia spüren. Eine Veränderung tritt erst ein, als er die zweijährige Waise Maya in der Kinderbuchecke seiner Buchhandlung findet, die ihre Mutter vor ihrem Selbstmord dort abgesetzt hat. Nachdem er Maya notgedrungen über das Wochenende versorgt, entschließt er sich zur Adoption. Weitere Veränderungen folgen mit dem wiederentdeckten Lebenswillen...
Anfangs folgen wir intensiv der Hauptfigur Fikry, seinen Emotionen und Entscheidungen. Später macht die Geschichte größere Sprünge, schildert wichtige Lebensentscheidungen und Schicksalsschläge. Auch das Leben einiger Nebenfiguren wird beleuchtet, einige Hintergründe zu Mayas Herkunft werden aufgedeckt.
Vielleicht ist es diesen Sprüngen geschuldet, dass ich das Gefühl hatte, mich beim Fortgang der Geschichte immer weiter von den Charakteren zu entfernen anstatt mich ihnen näher zu fühlen. Hatte ich anfangs noch Interesse für die Lebens- und Liebesgeschichte der Protagonisten, so ließen sie mich am Ende fast unberührt - ein eigenartiges Phänomen. Die zahlreichen bibliophilen Bezüge und das Wohlfühl-Setting der kleinen Buchhandlung kann man auf der Plusseite verbuchen - wer Interesse für Kurzgeschichten hat, erhält durch Fikry einige Leseanstöße. Insgesamt war Die Widerspenstigkeit des Glücks ganz sympathische Unterhaltung, konnte mich aber nicht so begeistern wie es angesichts der vielen hohen Bewertungen und enthusiastischen Rezensionen bei vielen anderen Leserinnen der Fall war. 

Gabrielle Zevin, Die Widerspenstigkeit des Glücks. Diana, München 2015.



Sunday, June 12, 2022

George Saunders - Lincoln im Bardo

Lincoln, genau, der amerikanischer Präsident Abraham Lincoln, ist eine der Hauptfiguren des Romans Lincoln im Bardo von George Saunders. Eine weitere ist sein Sohn Willie, der mit nur elf Jahren im Jahr 1862 verstarb. Basierend auf einer Zeitungsmeldung, nach der der trauernde Präsident nachts den Friedhof aufsuchte, um seinen Sohn noch einmal in den Armen zu halten, baut George Saunders eine ungewöhnliche Story auf. 

Nach seinem Tod befindet sich Willie in einem Zwischenreich, bei den Tibetern Bardo genannt, und "geistert" über eben jenen Friedhof. Bei ihm sind hunderte anderer skurriler Gestalten, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen noch nicht von der hiesigen Welt verabschieden wollen. Sie alle kommen mit ihren vielfältigen Stimmen zu Wort, einige nur kurz, andere öfter und erzählender. An verschiedenen Stellen werden auch die Geschehnisse in der realen Welt wiedergegeben, Saunders nutzt historische Quellen - Briefe, Erinnerungen, Zeitungsberichte... - und fügt fiktive hinzu, um die Situation von Lincoln und seiner Frau zu schildern und in den historischen Kontext des Civil War einzuordnen. So werden Fiktion und Realität, Geschichtliches und persönliches Schicksal intensiv miteinander verwoben. 

Das Leseerlebnis bei diesem Roman ist schon ein besonderes: Man treibt durch die zahlreichen Stimmen und Quellen, wird von einem gefühlsintensiven Moment in den nächsten geworfen. Einige der Bruchstücke fügen sich zwar zu einer Chronologie zusammen, aber das Lesen ist mehr Gefühl als Plot. Ich kann gut verstehen, dass man das Buch entweder faszinierend oder grundweg nervtötend finden muss. Lässt man sich darauf ein, so ergeben sich möglicherweise einige Fragen nach dem Sinn des Lebens, der Liebe und des Todes... Es ist absolut nachvollziehbar, dass dieses ungewöhnliche Werk den Booker Prize (2017) gewonnen hat und ich bin froh, es gelesen zu haben. 

George Saunders, Lincoln im Bardo. Luchterhand, München 2017.

 

 

Friday, June 03, 2022

Hakan Nesser - Barbarotti und der schwermütige Busfahrer

Man muss Hakan Nesser und seinen Stil mögen, um Barbarotti und der schwermütige Busfahrer schätzen zu können. Kommissar Barbarotti und Kommissarin Backman nehmen sich eine Auszeit auf Gotland. Es ist Herbst und das Leben auf der Insel wird von Tag zu Tag ruhiger. Da begegnen die beiden einem Radfahrer, in dem Barbarotti Albin Runge zu erkennen glaubt. Problem dabei: Runge ist schon vor Jahren verschwunden und inzwischen für tot erklärt worden. In einer anderen Erzählebene erfahren wir die Einzelheiten des damaligen Falls: Runge bekam Drohbriefe, hinter denen er Angehörige des Busunglücks mit vielen Toten vermutete, bei dem er am Steuer gesessen hatte. Einige Zeit später verschwand Runge auf einer Fährüberfahrt nach Finnland und tauchte nicht mehr auf...

Es gibt keinen wirklichen Kriminalfall, keinen Mord, in diesem Roman. Es ist eher die Geschichte eines ungelösten Rätsels, das Barbarotti und Backman Jahre später entwirren dürfen. Das Erzähltempo ist eher langsam, die Charaktere bedächtig. Die Gespräche der beiden Kommissare drehen sich oft um das Leben als solches und welche Dinge wirklich wichtig sind, es ist eher ein philosophischer als ein kriminalistischer Roman.
Mir hat die Geschichte, die langsam aber beständig weitergesponnen wird trotz ihrer Langsamkeit gefallen, ich mag die Charaktere und vor allem auch Dietmar Bärs Lesung, die hervorragend dazu passt. 

Hakan Nesser, Barbarotti und der schwermütige Busfahrer. Hörverlag 2021.

Saturday, May 28, 2022

Hugo Horiot - Der König bin ich

Hugo Horiot wurde als Kind mit Asberger-Autismus diagnostiziert. In Der König bin ICH erzählt er die Geschichte seines Wegs in die Welt, seinen Wegs mit seiner Andersartigkeit leben zu können. Horiot arbeitet  inzwischen als Regisseur und Schauspieler in Paris.

Das Buch beginnt mit dem vierjährigen Julien, der mit niemandem spricht. Er will nichts von sich preisgeben, er will vielmehr der Welt entfliehen, zurück in den Mutterleib.
Alles, was seine Mitmenschen um ihn herum als normal erachten, interessiert ihn nicht. Er nimmt keinen Kontakt mit Gleichaltrigen auf. Doch als er sechs wird, beschließt Julien, dass er in die Welt hinaus muss und sich von seiner Innenwelt trennen muss, um leben zu. Er bittet seine Mutter ihm einen neuen Namen zu geben und er wird zu Hugo. Hugo spricht, aber bleibt immer anders und unangepasst. 

Während des Lesens erahnt man, wie anstrengend Hugos andere Innenwelt sein muss, wie fremd und abstoßend ihm die Realität der "normalen" Menschen vorkommen muss. In den letzten Kapiteln und im Nachwort, in dem auch seine Mutter zu Wort kommt (ebenfalls Schriftstellerin, die bereits ein Buch über ihn verfasste), klingt deutliche Kritik an dem System und einem Gesundheitssystem durch, dass noch keine adequate Behandlung oder besser Hilfestellung für Asperger-Autismus gefunden hat. Auch das Leiden der Mutter wird deutlich - trotz ihrer absoluten Liebe und Willen zur - erfolgreichen - Förderung ihres Kindes.
Diese kurze, aber dennoch etwas anstrengend zu lesende Biographie gibt Einblicke und erzeugt Verständnis, hinterlässt aber auch ein Gefühl von Hilflosigkeit, wie diesen besonderen Menschen begegnet und geholfen werden kann, damit sie ein erfülltes Leben führen können ohne ständig gegen die Barrieren der Norm ankämpfen zu müssen. 

Hugo Horiot, Der König bin ich. Hanser, Berlin 2015.

Thursday, May 26, 2022

Chanel Cleeton - Nächstes Jahr in Havanna

Chanel Cleetons Roman Nächstes Jahr in Havanna erzählt die Geschichten zweier kubanischer Frauen, Elisa und Marisol. Elisa ist Marisols Großmutter und verlässt Kuba im Jahr 1958 mit ihren Eltern und Schwestern noch vor dem endgültigen Sturz des kubanischen Diktators Fulgencio Batista und der Machtergreifung durch Fidel und Raúl Castro, Camilo Cienfuegos und Ernesto "Che" Guevara.
2017 fliegt Marisol von Miami aus nach Kuba, um die Asche ihrer Großmutter dort beizusetzen.
In Elisas Geschichte erfahren wir viel über den Luxus, in dem die wohlhabenden Plantagenbesitzer in Kuba leben: Sie verkehrt in den besseren Kreisen, kümmert sich wenig um Politik und ist mit Kleidern und Parties beschäftigt. Das ändert sich, als sie einen jungen Mann kennenlernt, der intensiv an den politischen Veränderungen beteiligt ist - ihre Liebe muss daher geheim gehalten werden und hat keine Zukunft.
Marisol erfährt erst etwas über diesen Aspekt des Lebens ihrer Großmutter, als ihr deren Jugendfreundin alte Erinnerungsstücke und Briefe aushändigt, die sie 1958 zurückgelassen hat. Während sie nach und nach mehr darüber herausfindet, verliebt sie sich selbst in einen Mann, der wegen seiner politischen Ansichten ebenfalls verfolgt wird.

Cleeton verbindet die zwei Zeitebenen sowohl durch die Liebesgeschichten und durch die politischen Probleme. Ich weiß zu wenig über Kubas Geschichte, um zu beurteilen, wie gut diese im Roman wiedergegeben wird. Die politischen Passagen erschiedenen mir persönlich allerdings etwas verkürzend-oberflächlich - gerade so, dass man einen groben Eindruck erhält, worin die Probleme des Landes bestehen. Nachvollziehbar erschien mir die Naivität Elisas, die nur langsam begreift, was in ihrem Land geschieht, wobei ihre Liebe auf den ersten Blick zu dem Revolutionär nicht ganz glaubhaft ist. Aus ihrer Rolle heraus wäre eine stärkere Ablehnung von allem, wofür er steht, logischer gewesen. Ebenso schwierig finde ich die Liebesgeschichte Marisols, die sehr gezwungen wirkt, wobei mich an ihrer Geschichte die Naivität, mit der sie in das Land ihrer Familie reist, noch stärker gestört hat. Sie will einen Bericht über touristische Ziele und Restaurants schreiben? Das kann mit ihrem familiären Hintergrund und dem Wissen um die Vergangenheit und Gegenwart des Landes nicht ernsthaft ihr Wunsch sein! Die etwas gezwungene Zusammenführung der beiden Geschichte durch die Person des ehemaligen und von Elisa totgeglaubten Geliebten ist nachvollziehbar, damit der Plot einen Abschluss finden kann. 
Sprachlich konnte ich dem Roman nicht viel abgewinnen, viele sprachliche Wendungen wirkten plump und es gab auffällige Wiederholungen bestimmte Formulierungen. Dies mag eventuell aber der Übersetzung geschuldet sein.

Insgesamt hatte ich mir von dem Roman deutlich mehr versprochen. Kuba ist mir nicht wirklich näher ans Herz gewachsen, es kam keine Faszination mit dem Land auf, eher ein bedrückendes Gefühl. Der Spagat zwischen emotionaler Liebesgeschichte und politischer Schilderung gelingt meines Erachtens nicht - aber vielleicht ist dies auch nicht der Anspruch gewesen.

Chanel Cleeton, Nächstes Jahr in Havanna. Random House Audio 2019.

Saturday, May 21, 2022

Jules Verne - 20000 Leagues under the Sea

 Jules Vernes 20000 Meilen unter dem Meer ist ein Klassiker der Abenteuerliteratur. Die Figur des Captain Nemo und seiner Nautilus wurde tausendfach in Film, Fernsehen und anderen Medien umgesetzt.
Die Geschichte ist schnell zusammengefasst: Im Jahr 1866 tauchen Berichte über ein mysteriöses "Unterwasserwesen" auf, es gab diverse Sichtungen, aber auch Zusammenstöße. Eine amerikanische Expedition macht sich auf die Jagd. Als sie schließlich auf das Wesen treffen, stellt es sich als metallenes Unterwassergefährt heraus, dass aus der Konfrontation siegreich hervorgeht. Das verfolgende Schiff sinkt, drei Überlebende - unter ihnen der Erzähler Professor Aronnax - werden von der Nautilus aufgenommen und lernen Captain Nemo kennen. Sie reisen für mehrere Monate auf der Nautilus mit und erleben die unwahrscheinlichsten Abenteuer unter Wasser, bis ihnen schließlich die Flucht gelingt.
Auch wenn die Wissenschaft inzwischen einiges besser weiß als Jules Verne zu seiner Zeit, ist die Informationsdichte in diesem Roman doch verblüffend. An vielen Stellen referiert Nemo Zusammenhänge, Tiere werden klassifiziert und detailliert beschrieben, Mythologie erläutert... Bringt man ein entsprechendes Interesse für diese Dinge mit, so ist dies sicher ein Bonus, andernfalls hat die Story dadurch natürlich auch Längen. Der mysteriöse Nemo ist ein spannender Charakter, doch bleibt es bei den Andeutungen und Vermutungen, die Aronnax anstellt, eine Auflösung oder Erklärung fehlt, sieht man von den Seitenhieben auf den Kolonialismus ab.
Mir hat der Klassiker durchaus gefallen, aber nicht begeistert. 

Jules Verne, 20000 Leagues under the Sea. Sterling, New York 2006.