Monday, June 14, 2021

Deborah Harkness - Die Seelen der Nacht

Normalerweise würde ich mir nicht erlauben, ein Buch zu rezensieren, von dem ich so anteilig so wenig gelesen habe, traue mir das in diesem Fall aber durchaus zu. 

In der Popsugar-Reading-Challenge tauchen manchmal Genre-Begrifflichkeiten auf, die es im deutschen Sprachraum so gar nicht gibt. So hieß es dort: "A dark academia book" und in der dazugehörigen Liste wurden neben Die geheime Geschichte von Donna Tartt und Wildes Das Bild des Dorian Gray (die ich beide schon gelesen habe) jede Menge Bücher über Vampirinternate und dergleichen angepriesen. Die Seelen der Nacht hatte gute Bewertungen bekommen (warum?!) und wirkte auf den ersten Blick ...akademischer, außerdem gab es das Hörbuch bei der Onleihe. 

Leider fällt das Buch stilistisch und erzählerisch durch alle Roste. Die ganz und gar mega-talentierte und wissenschaftlich waaaaahnsinnig erfolgreiche Hexe Diana Bishop (die aber ihre hexerischen Fähigkeiten so gut wie nie nutzt, so ihre eigene Aussage, außer mal zum Wäschewaschen, wenn die Maschine kaputt ist?!?) studiert alte Manuskripte und als sie das eine supermächtige, bis dahin verschollene Buch entdeckt, wird sie plötzlich von Vampiren, Dämonen und anderem Gesocks verfolgt. Der Über-Vampir (unwiderstehlich gutaussehend natürlich) schlägt sich auf ihre Seite und versucht sie zu beschützen - und dass sie ihm liebestechnisch erliegen wird, ist so offenkundig wie mit dem Holzpflock ins Herz gerammt. 

Weiter habe ich nicht gelesen bzw. gehört. Das ganze ist sprachlich unwahrscheinlich abgedroschen, der Plot offensichtlich und die Protagonistin dermaßen unsympathisch in ihrer anbiedernden und zugleich besserwisserischen Art, das brauche ich nicht, schon gar nicht in einer 28 Stunden (!) Lesung der etwa 800 Seiten. Auf zu Besserem!

Deborah Harkness, Die Seelen der Nacht. Random House Audio 2011.

Sunday, June 06, 2021

Nicci French - Schwarzer Mittwoch

In dem dritten Band Schwarzer Mittwoch des Autorenteams Nicci French (Nicci Gerrard und Sean French) müssen die Psychotherapeutin Frieda Klein und Inspector Karlsson gleich zwei Fälle lösen.

Frieda ist noch angeschlagen von den Ereignissen des vorangegangenen Bandes (Eisiger Dienstag) und hat mit dem neuen Fall einer ermordeten Mutter von drei Kindern eigentlich nichts zu tun. Allerdings kennt ihre Nichte Chloe den Sohn der Toten und ehe Frieda sich versieht, ist sie doch involviert. Parallel dazu ermittelt der Journalist Jim Fearby in den Fällen einiger verschwundener Mädchen, als er per Zufall mit Frieda zusammenstößt, die aus anderen Gründen nach einem der Mädchen sucht. Karlsson hingegen befindet sich in seinem eigenen Spannungsfeld, weil er eigentlich gern auf Friedas Hilfe zurückgreifen möchte, sie aber zugleich in ihrem labilen Zustand nicht noch mehr belasten möchte.
In beiden Fällen ermitteln die Beteiligten weitgehend solide, ziehen Schlüsse, suchen Zeugen auf, wenngleich Frieda durch einen Zufall zur finalen Schlussfolgerung findet.

Während Blauer Montag mich noch abwartend der Reihe gegenüber stehen ließ, nahm Eisiger Dienstag schon deutlich mehr Fahrt auf. Schwarzer Mittwoch entwickelt die Charaktere deutlich weiter ohne dabei den Plot zu vernachlässigen, ist aber auch ungleich düsterer, weil die Protagonistin in ihrer eigenen Schwermut/Depression zu versinken droht. Die Ansammlung angeschlagener Charaktere bringt diesen London-Thriller in die Nähe skandinavischer Noire-Krimis - was aber kein Mangel ist.

Nicci French, Schwarzer Mittwoch. Bertelsmann, München 2013.

Saturday, June 05, 2021

Kristin Hannah - Die Nachtigall

Der Roman Die Nachtigall der amerikanischen Autorin Kristin Hannah wurde im Jahr 2015 publiziert und erzielte großen kommerziellen Erfolg und erhielt durchweg gute Kritiken. Bei mir stand es auch schon lange auf der Leseliste.

Eingebettet in eine Rahmenhandlung einer gealterten Ich-Erzählerin im Jahr 1995, die sich auf den Weg zu einer Tagung über die und zu Ehren der Résistance in Paris macht, wird die Geschichte zweier Schwestern während des zweiten Weltkriegs erzählt.  

Isabelle ist die impulsive, von Energie strotzende Schwester, die sich Konventionen und Anweisungen konsequent widersetzt. Bei der Besetzung Frankreichs durch die Deutschen führt ihr Weg sie direkt zur aktiven Mitarbeit in der Widerstandsbewegung. Sie rettet unter dem Decknamen "Nachtigall" zahlreichen alliierten Piloten das Leben, in dem sie sie zu Fuß über die Pyrenäen aus dem Land bringt. Dieser Teil der Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit [de Jongh]. 

Viann dagegen hat sich früh für eine Heirat entschieden und versucht mit ihrer Tochter in ihrer Kleinstadt trotz der Besetzung zu überleben, während ihr Mann in Deutschland in Gefangenschaft ist. Zunehmend erlebt sie die Schrecken des Krieges, als Dorfbewohner und ihre beste (jüdische) Freundin deportiert werden. Sie nimmt den Sohn der Freundin bei sich auf und hilft, weitere jüdische Kinder als Waisen getarnt in einem Kloster zu verstecken. Hunger und Misshandlungen durch die Deutschen dramatisieren ihre Situation.

Der Vater der Schwestern ist seit dem ersten Weltkrieg und dem Tod der Mutter nicht mehr er selbst und verhält sich stark distanziert zu den Geschwistern, arbeitet aber schlussendlich auch für die Résistance. 

Der Roman wurde allenthalben gelobt für die Darstellung der Rolle der Frauen in der französischen Widerstandsbewegung und den Kriegsleiden der zurückgebliebenen Frauen und Kinder im besetzen Frankreich.
Ja, okay. Es ist fast ein bisschen zuviel Kriegsleiden, das da auf die einzelnen Charaktere einprasselt, dafür das man sich in einer Kleinstadt befindet, die nur durch den Flughafen etwas mehr Relevanz hat. Der Plot zieht sich dadurch stellenweise in die Länge, weil eben noch ein Unheil und noch eines geschieht, das ist aber vermutlich gewollt. Gleichzeitig wird der charakterliche Gegensatz und der Konflikt der Schwestern besonders im ersten Teil stark forciert und emotional aufgeladen. Vor dem Hintergrund der dramatischen Ereignisse scheint dies teilweise unglaubwürdig und aufgesetzt. Entsprechend gefühlsintensiv erfolgt dann die Aussöhnung der Schwestern im letzten Viertel des Romans, nachdem beide unfassbares Leid im Konzentrationslager bzw. durch die Hand der Deutschen erlitten haben, besinnen sie sich auf die Liebe zueinander. Auf der Ebene von 1995 kann sich Viann mit der Vergangenheit aussöhnen, ihrem Sohn von ihrer Geschichte erzählen und sogar noch den verlorenen Ziehsohn wiederfinden. Die tränenbeseelten Rezensionen, von denen es viele gibt, sind nachvollziehbar, denn hier wird es - sehr amerikanisch - am Ende sehr emotional und, obwohl es eine Geschichte über den zweiten Weltkrieg ist, kann man fast von einem Happy End sprechen. 

Vielleicht habe ich zuviele Bücher über diese Zeit gelesen. Die Autorin hat für Die Nachtigall sicher Recherchen betrieben, dennoch blieben viele Lücken in den historischen Zusammenhängen, die Arbeit der Résistance wird nur oberflächlich beschrieben, alle befinden sich in steter Gefahr und sind unfassbar selbstlos. Politisch-historische Zusammenhänge fehlen gänzlich, de Gaulle kommt nur als Figur kurz vor, wie sich der Widerstand weiter organisiert und wächst verschweigt Hannah. Statt dessen liegt der Fokus auf den Emotionen der beiden Protagonistinnen, die aber selbst bei Isabelle dann weniger von Widerstand als vielmehr von Sehnsucht nach Liebe getrieben sind. Viele andere Romane erzählen meines Erachtens überzeugender von der Verzweiflung und Bedrängnis, die Menschen im Krieg erfahren. Anrührend ist Die Nachtigall durchaus, ich habe mir die Geschichte auch nicht ungern bis zum Ende erzählen lassen, die hohe literarische Qualität, die dem Buch teilweise zugesprochen wird, kann ich allerdings nicht ganz nachvollziehen. Vielleicht ist es auch bezeichnend, dass bereits 2022 die Verfilmung in die Kinos kommen soll...

Kristin Hannah, Die Nachtigall. Aufbau Audio 2016.

Monday, May 24, 2021

Elena Ferrante - Die Geschichte eines neuen Namens

Nicht ganz zwei Jahre ist es her, dass ich den ersten Band von Elena Ferrantes neopolitanischer Triologie - Meine geniale Freundin - beendet habe. Trotz dieser langen Pause habe ich mich schnell wieder in die komplizierte Beziehung der zwei Freundinnen Lenù und Lila eingefunden. Letztere ist frisch verheiratet, die Ich-Erzählerin noch auf der Suche nach ihrem Platz im Leben. Will sie auch heiraten? Das Abitur machen? Weiter studieren? Aus dem vertrauten Viertel wegziehen?
Lilas Leben ist durch die Hochzeit nicht einfacher geworden - schon in der Hochzeitsnacht begegnet sie dem Grauen - der gewalttätigen, rücksichtslosen Seite ihres Mannes. Die Konflikte sind wegen ihres wachen, nach Herausforderungen, Neuem und Freiheit strebenden Geistes vorprogrammiert, ihr Unglück zwangsläufig.
Lenù hingegen wirkt ratlos und rastlos, kennt ihre Ziele selbst kaum, außer dem einem, nämlich irgendwie besser, glücklicher, erfolgreicher als ihre Freundin sein zu wollen.

Nebenbei zeigt der Roman auch noch gesellschaftliche Veränderungen auf, die selbst vor Rione mit seinen konservativen Strukturen nicht haltmachen. Es sind die 60er und 70er Jahre, die Rolle der Frau verändert sich, neue berufliche Möglichkeiten entstehen, politische Umwälzungen finden statt. Dennoch bleibt Die Geschichte eines neuen Namens beim Alltäglichen, schildert die kleinen und größeren Ereignisse in dem kleinen Personenkreis, Ungerechtigkeiten, Eifersüchteleien, Verrat und Enttäuschungen. Vielschichtig dagegen sind die Bedeutungsebenen, auf denen man die Beziehungen und auch die Gedankengänge der Ich-Erzählerin deuten kann, nichts ist hier eindeutig. Die Art und Weise wie selbst kleine, unscheinbare Ereignisse geschildert werden, hebt diesen Roman bzw. die Reihe von anderen des Genres deutlich ab. Die Autorin schafft es, einen hineinzuziehen in diese kleine Gedankenwelt, die sich nur langsam den größeren Zusammenhängen, der Welt und dem Verständnis der eigenen Empfindungen öffnet. 

Elena Ferrante, Die Geschichte eines neuen Namens. Hörverlag 2017.


Tuesday, May 18, 2021

Arnaldur Indridason - Graue Nächte

Ein weiterer Fall für Kommissar Flóvent und seinen Kollegen Thorson von der Militärpolizei. Es ist 1943 und die Amerikaner haben Island aus strategischen Zwecken besetzt. Ein Toter am Strand, gekleidet in amerikanischer Uniform, entpuppt sich als Mordopfer. Eine Frau, die Kontakt zu Soldaten pflegte, ist verschwunden. Niemand will über die beteiligten Angehörigen des Militärs sprechen und nach einem Mordanschlag auf Thorson ist klar, dass hier etwas vertuscht werden soll...

Parallel dazu erzählt Graue Nächte von einer ungewöhnlichen, bereits etwas zurückliegenden Fährüberfahrt aus Dänemark über Norwegen nach Island, mit der isländische Staatsangehörige während der deutschen Besatzung Dänemarks wieder nach Hause gebracht wurden. Die Affäre einer Mitreisenden hat dramatische Folgen, ihr Verlobter wird von den Nazis ermordet... nach und nach findet sie heraus, wie es dazu kam. 

Nach und nach verwebt Indridason seine beiden Geschichten und Zeitebenen und klärt das Verschwinden und den Tod der Opfer auf. Das tut er im Grunde auf recht elegante Art und Weise, die Geschichte sind in sich stimmig und die Ermittlungen funktionieren. Die Gesamtstimmung ist düster und bedrohlich, die Konflikte zwischen der isländischen Bevölkerung und den amerikanischen Besatzern sind immer wieder Thema und kein kleines Problem. Dem gegenüber steht die Freundschaft der beiden Ermittler, die sich darüber erhebt. Dennoch hat mich dieser Krimi nicht so recht gepackt, ich habe ihn aber gern gelesen.

Arnaldur Indridason, Graue Nächte. Bastei 2018.

 

 

Sunday, May 09, 2021

Juli Zeh - Nullzeit

In Nullzeit von Juli Zeh treffen wir gleich auf zwei sehr unzuverlässige Erzähler, die uns beide ihre Sicht auf die Ereignisse einiger weniger Tage auf der Insel Lanzarote zu schildern. 

Jola ist als Tauchschülerin auf die Insel gekommen, sie ist eine mittelmäßig erfolgreiche Serienschauspielerin, die nun für eine Hauptrolle in einem Tauchfilm trainieren will. Sie ist mit ihrem Lebensgefährten Theo angereist (Autor, älter als sie, wird von ihr der "alte Mann" genannt). Glaubt man ihrem Tagebuch, so ist Theo ihr gegenüber übergriffig und gewalttätig, während sie sich in den Tauchlehrer Sven verliebt und von ihm verführt wird.
Sven hat Deutschland verlassen, um auf Lanzarote eine exklusive Tauchschule zu eröffnen. Scheinbar neutral berichtet er von den Zwischenfällen, die er in der Beziehung von Jola und Theo beobachtet, wird aber immer mehr hineingezogen und erliegt zudem den Flirtattacken Jolas, die ihn für ihre Machtspiele missbraucht. Erst am Ende wird klar, dass auch er einen Zweck mit seinem Bericht verfolgt, da er juristische Konsequenzen fürchtet und dies seine Darstellung massiv beeinflusst.

Man muss dysfunktionale, ja, unsympatische Charaktere mögen, um sich mit Nullzeit anzufreunden. Während man anfangs dem ruhigen Erzählton Svens noch folgen möchte, disqualifiziert sich Jola schon früh, man merkt sofort, dass sie ganz und gar keine normalen Reaktionen zeigt und zweifelhafte Ziele verfolgt. Doch je mehr man von Svens Vergangenheit und seiner Beziehung zu der Frau erfährt, mit der er zusammenlebt, umso skeptischer und ablehnender wird man ihm gegenüber. Er wird zwar seinerseits von Jola für ihre Machtspiele missbraucht, andererseits ist sein Verhalten alles andere als moralisch integer. So ist dieses Spiel mit der Wahrheit und Wahrnehmung interessant und erzählerisch geschickt konstruiert, der Plot jedoch lässt zu wünschen übrig. Wenn man Nullzeit als Psychothriller liest, dann funktioniert zwar in den ersten zwei Dritteln die Eskalation der Ereignisse von Tag zu Tag, der Showdown und seine Folgen hingegen bleiben unglaubwürdig.
So konnte mich der Roman nicht wirklich überzeugen, er hat seine erzählerischen Stärken, aber eben auch diese durch und durch unsympathischen Protagonisten. Das ist Absicht, ja, aber ich muss es ja nicht mögen!
Die Lesung durch Britta Steffenhagen und Thomas Sarbacher hingegen hat mir gut gefallen.

Juli Zeh, Nullzeit. DAV 2012.


Sunday, May 02, 2021

Jacques Berndorf - Eifel-Schnee

Zu manchen Krimireihen kehre ich zurück wie zu alten Freunden... Die Eifel-Krimis von Jacques Berndorf gehören dazu. 

Eifel-Schnee ist unter den ersten zehn Bänden der Reihe, Baumeister ist noch mit Dinah zusammen, Rodenstock gerade erst pensioniert und er lernt in diesem Band Emma kennen, seine Zukünftige.
Es beginnt - wie fast immer - beschaulich, Baumeister ist zufrieden mit Katzen, Pfeife und Musik am Heiligabend in seinem Häuschen. Der Anruf den kleinen Schappi erreicht ihn mitten in der Nacht, dieser erzählt von einer brennenden Scheune und dem Tod seines Bruders Ole und dessen Freundin Betty. Natürlich handelt es sich um Mord und Baumeister stürzt sich kopfüber in die Ermittlungen, die ihn schnell ins Drogenmilieu der Eifel führen. Mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit befragt er Bekannte und Freunde der Toten und vervollständigt so nach und nach sein Bild von den Ereignissen. Die Hintermänner sitzen in den Niederlanden (wo er und Rodenstock auf Emma treffen) und das Team Baumeister und Co. muss sich anstrengen, gegen deren Übermacht anzukommen und den Verantwortlichen in eine Falle zu locken. 

Ich mag Krimis mit ordentlicher Recherche, in denen sich die Puzzleteile nach und nach zusammenfügen, so dass die Auflösung nicht plötzlich vom Himmel fallen muss. Ich mag die leicht schrägen Charaktere, die Jacques Berndorf in diese besondere Landschaft setzt. Dass er selbst vorliest mit seiner sonoren Rauchstimme, ist auf jeden Fall auch ein Plus. Deswegen immer mal wieder Eifel-Krimi.

Jacques Berndorf, Eifel-Schnee. Radioropa 2008.



Thursday, April 22, 2021

Maja Lunde - Die letzten ihrer Art

Von den vier geplanten Bänden ihres "Klimaquartetts" hat Maja Lunde bisher drei veröffentlicht. Nach Die Geschichte der Bienen und Die Geschichte des Wassers erschien 2019 Die letzten ihrer Art.

Das verbindene Element der drei Erzählebenen ist das Przewalski-Pferd, das ursprünglich in der Mongolei beheimatete Urpferd.
Michail Alexandrowitsch Kowrow, Mitarbeiter des Zoos in St. Petersburg, macht sich im Jahr 1883 zusammen mit dem Tierfänger-Experten Wilhelm Wolf auf, um Exemplare des Urpferds zu fangen, während 1992 die Tierärztin Karin es als ihr Lebenswerk ansieht, die in der Mongolei ausgestorbenen Pferde dort wieder anzusiedeln. Der dritte Erzählstrang spielt 2064, das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben ist in Norwegen aufgrund des Klimawandels zum Erliegen gekommen. Eva lebt mit ihrer Tochter auf einem Bauernhof, der ehemals zu einem Tierpark mit bedrohten Arten gehörte. Dort gibt es auch eine letzte Przewalski-Stute mit ihrem Fohlen. 

Alle Protagonisten befinden sich in schwierigen Lebenssituationen, sind mit sich und ihrer Identität nicht im Reinen und versuchen sich selbst darüber hinwegzutäuschen. Während Michail sich seine Homosexualität selbst nicht eingestehen mag, ist Karin tief entfremdet von ihrem eigenen Sohn, den diese lang andauernde Distanziertheit in die Drogensucht getrieben hat. Sie kann sich ihre Defizite als Mutter nicht eingestehen und bemüht sich stattdessen übermäßig um die Pferde. Letztere treten 2064 in den Hintergrund. Eva harrt auf ihrem Hof in einer vermeintlich sicheren Position aus, glaubt, als einzige die richtige Sicht auf die Zukunft zu haben und muss feststellen, dass sich ihre Lage alles andere als stabil ist und ihnen die Lebensgrundlage zwischen den Fingern zerrinnt. Ob der Aufbruch - was bedeutet, den Hof und die Pferde aufzugeben - eine bessere Alternative bietet, bleibt offen. 

Zwar beschäftigen sich alle Protagonisten phasenweise mit den Pferden und setzen sich mit dem Thema der Arterhaltung auseinander, dennoch bleiben sie symbolhaft. Sie werden von außen geschildert, lösen trotz der geschilderten Nähe wenig Emotionalität aus. Ketzerisch gesagt, könnte auch jede andere Tierart an ihre Stelle treten, für den Roman würde dies kaum einen Unterschied machen. Wenngleich, ähnlich wie bei Die Geschichte der Bienen schwierige Eltern-Kind-Beziehungen vorkommen, interagieren die einzelnen Ebenen wenig bis gar nicht miteinander. Ihr Zusammenhang ist lose, das offen verbindende Element der Przewalskis stellt - meines Erachtens - auch keinen tieferen Bezug her. 

Das heißt nicht, dass Die letzten ihrer Art ein schlechter Roman ist. Die einzelnen Geschichten und Protagonisten haben durchaus Tiefe und ihre Erlebnisse sind interessant, ihre unterschiedlichen Stimmen gut herausgearbeitet. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass Idee und Konzept hier noch hätten weiter tragen können (und sollen) und vor allem das Thema des Artensterbens hätte mehr Raum bekommen sollen. So verkommt zum Randgeschehen, die Pferde als lose Verbindung der Geschichten, aber nicht als treibendes inhaltliches Element.

Maja Lunde, Die letzten ihrer Art. Hörverlag 2019.

Wednesday, April 14, 2021

Johanna Spyri - Heidis Lehr- und Wanderjahre

1880 veröffentlichte die Schweizerin Johanna Spyri ihr Buch Heidis Lehr- und Wanderjahre, das zu einem Klassiker der Kinderliteratur wurde und oft verfilmt wurde. Kinder der 80er haben die Zeichentrickserie sicher noch vor Augen...

Das Setting zu Beginn ist tragisch: Die achtjährige Heidi hat beide Eltern verloren, wurde erst von der Großmutter, dann von der Tante aufgezogen. Letztere gibt sie aber kurzerhand wegen eines guten Jobangebots bei dem grantigen Großvater väterlicherseits in den Schweizer Bergen ab. Der ist zwar wortkarg und sozial isoliert, aber dennoch dem Kind zugetan, weil es sich auch sehr angepasst und freundlich verhält. Und durch seine freundliche Art schafft es "das Heidi" leicht, auch zu den wenigen anderen Menschen, die es in der Einsamkeit der Alm gibt, freundschaftlichen Kontakt herzustellen - und zwingt damit den Großvater zumindest nicht mehr gar so unfreundlich zu sein.
Dann schlägt das Schicksal noch einmal zu, wieder in Form der etwas herzlosen Tante, die es eine gute Idee findet, Heidi nach Frankfurt zu verpflanzen, um dort einer gelähmten Tochter aus reichem Hause Gesellschaft zu leisten. Gesellschaftlich sicher ein Aufstieg, aber Heidi leidet dermaßen an Heimweh, dass sie wortwörtlich beinahe umkommt. Kurz lernt sie noch lesen und ein bisschen mehr von der Welt kennen, dann hat der Hausherr Erbarmen und lässt sie zum Großvater zurückschicken.
Mit einer aus heutiger Sicht gewissen Portion Kitsch und überzogener Selbstlosigkeit und Nächstenliebe verteilt Heidi zuhause ihre überbordende Zuneigung und Geschenke und bringt damit allen Freude und schließlich sogar den Großvater dazu, sein Herz zu öffnen. Die Geschichte vom verlorenen Sohn, die Heidi aus dem aus Frankfurt mitgebrachten Buch vorliest, lässt den Großvater wieder den Weg in die Kirche und zu den Menschen zurückfinden. Dieser letzte Teil ist rührselig, rundet aber dennoch die Geschichte ab, indem der von Heidi geliebte Großvater auch bei den anderen Bewohnern Anerkennung findet, nicht zuletzt dafür, dass er das Kind aufgenommen und fürsorglich aufgezogen hat. 

Natürlich ist Heidi ein Charakter, der aus heutiger Sicht zu gut ist, um wahr zu sein. Die geschilderte Idylle in den Alpen ist eher phantastischer Sehnsuchtsort als echter Lebensraum, die Bekehrung des Großvaters ein moralischer Wunschtraum. Aber auch dafür lesen wir, für die Auszeiten an beschaulischen Orten, wo die Welt und die Menschen im Einklang miteinander sind und alles am Ende gut wird.

Saturday, April 10, 2021

Penelope Bagieu / Roald Dahl - Hexen hexen

Roald Dahls Hexen hexen (1983) ist ein Klassiker der britischen Kinderliteratur. Erzählt wird die Story aus der Perspektive eines kleinen Jungen, der kürzlich seine Eltern verloren hat und nun mit seiner Großmutter lebt. Diese erzählt ihm Geschichten - und auch davon, dass Hexen immer Handschuhe und Perücken tragen, damit sie wie normale Frauen aussehen. Und Hexen hassen Kinder und wollen sie vernichten! Zum Beispiel verwandeln sie die Kinder in Tiere oder in Steine. Leider schützt dieses Wissen allein nicht vor ihren Hexenkünsten - aber man kann es nutzen, um sie zu bekämpfen! 

Die Französin Pénélope Bagieu hält sich in ihrer Comic-Adaption weitgehend an die literarische Vorlage und illustriert die Geschichte mit leichter Hand. Die Charaktere werden geschickt eingeführt - man sieht sich nicht sofort komplett, sondern nähert sich ihnen Stück für Stück - und auch die Backgroundgeschichte der verstorbenen Eltern wird so erzählt. Die Großmutter ist zeichnerisch ein Knaller mit ihren verrückten Haaren und Outfits, sehr schräg, aber liebevoll mit ihrem Enkel. Die Szenen mit den Hexen sind angemessen gruselig und die Zeichnungen der zwei in Mäuse verwandelten Kinder sind hinreißend niedlich. Angenehm fand ich auch das Verhältnis von Text zu Bild, es wird nicht zuviel vorweggenommen durch Textkästen, aber durch die Dialoge kann man die Geschichte gut verfolgen und der Sprachwitz der Protagonisten - eine Stärke von Dahls Charakteren - bekommt ausreichend Raum.
Hexen hexen ist eine sehr gelungene Graphic Novel, die viel Spaß macht!

Penelope Bagieu / Roald Dahl, Hexen hexen. Reprodukt, Berlin 2020.

Robert Seethaler - Der letzte Satz

 Robert Seethaler lässt uns in Der letzte Satz teilhaben an Gustav Mahlers letzter Reise. Er sitzt an Deck und erinnert sich an die Höhe- und Tiefpunkte seines Lebens. Dabei spielen seine beruflichen, musikalischen Erfolge zwar eine Rolle, im Fokus stehen aber seine Frau und seine Kinder. 

Aufgrund des geringen Umfangs - eigentlich eher eine Novelle als ein Roman - ist Der letzte Satz natürlich keine umfassende Betrachtung des Komponisten und Dirigenten, eher eine Hommage. Sprachlich hat mir das Buch sehr gut gefallen, es ist leise, unaufgeregt und sensibel. Matthias Brandt war eine gute Wahl als Sprecher. 

Robert Seethaler, Der letzte Satz. Tacheles 2020.