Monday, August 01, 2022

Anthony Doerr - All the Light We Cannot See

All the Light We Cannot See by Anthony Doerr won the Pulitzer Price for Fiction (and several other prices) in 2015. It tells the story of the two main characters Marie-Laure Leblanc and Werner Pfennig mainly during WWII. 

Marie-Laure Leblanc is the blind daughter of the master locksmith at the Museum of Natural History in Paris. When the Germans are about to invade they flee to her uncle in Saint-Malo.
Werner Pfennig is an orphan in a German mining town and has a special talent for radios and science in general. Therefor he is recruted by the Nazis for a special education but of course has to serve in the war later on. At the end he is sent to Saint-Malo to find the location of a radio transmitter of the French resistance - which is run by Marie-Laure and her uncle.
The story is told in very short chapters and alternates not only between the two characters but switches between the time of the final battle of Saint-Malo and all the events leading to the two characters being there.

Of course both are deeply influenced by the war but the author makes sure that the story and the characters are not portrayed in black and white but with a lot of greys: They are unsure of themselves, they doubt their own actions, they have complicated emotional states and they change during the story. Both are very likeable and the reader wishes the author would have given them more time together but they meet only very shortly. This and the overall ending of the book is a bit frustrating for me because the story leading to these final events is quite long although well-told and well-written. I simply would have wished for more...
I understand why the novel was successful and why it won prices but apparently it didn't move me as much as it did many other readers but I liked it a lot. Maybe the English audiobook wasn't the best choice because the German names and terms were a bit strange to listen to in Zach Appelman's pronunciation. 

Anthony Doerr, All the Light We Cannot See. Simon Schuster 2014.



Sunday, July 31, 2022

Lars Kepler - Der Spiegelmann

Joona Linnas achter Fall Der Spiegelmann beginnt mit einem ermordeten Mädchen auf einem Spielplatz. Auf perfide Art ist Jenny Lind an einem Klettergerüst erhängt worden - nachdem sie fünf Jahre lang verschwunden war! Schon bald wird klar, dass sie nicht das einzige Opfer ist und Linna nimmt die Spur auf. Parallel dazu erleben wir mit, Pamela nach dem Verlust ihrer Tochter vor einigen Jahren mit zahlreichen Problemen kämpft: Ihr Mann Martin leidet unter schweren psychischen Problemen, sie selbst trinkt zuviel und ob die Adoption von Mia, einem Mädchen im Alter ihrer Tochter, klappen wird, ist ungewiss. Da wird ausgerechnet Martin Zeuge des Mordes von Jenny Lind, wie die Überwachungskameras zeigen. Doch er kann sich an nichts erinnern. Erst die Hypnose durch Erik Maria Bark (siehe Der Hypnotiseur) hilft, erste Hinweise zu finden. Doch der Täter will verhindern, dass Martin der Polizei hilft, und entführt Mia. Unter großem Zeitdruck beginnt die Suche nach der Identität des Mörders und seinem Versteck...

Das Autorenteam Lars Kepler hat einen höchst spannenden Thriller verfasst, dessen Plot geschickt aufgebaut ist und dessen Charaktere nicht enttäuschen. Auffällig war allerdings eine Steigerung der Brutalität der Handlung. Dies hat mich erstmalig wirklich gestört, da ich es auch nicht als essentiell für den Fortgang der Geschichte empfunden habe. Einerseits wird viel Zeit darauf verwendet, Traumata und psychische Befindlichkeiten darzustellen, andererseits lässt es die Beteiligten scheinbar kalt, dass ein Kollege bei einem Einsatz brutal getötet wird, alle machen weiter, als wäre nichts gewesen. Insgesamt wirken manche Aspekte und Szenen übertrieben und dadurch surreal bis unrealistisch. Kann man darüber hinwegsehen, so ist Der Spiegelmann durchaus empfehlenswert. 

Lars Kepler, Der Spiegelmann. Lübbe, Köln 2020.

Thursday, July 21, 2022

T.C. Boyle - Dr. Sex

Als Alfred Kinseys Reports über Sexual Behaviour 1948 (Männer) und 1953 (Frauen) erschienen, war die Entrüstung groß. Niemand hatte zuvor Studien über das menschliche Sexualleben veröffentlicht und so schlugen die Publikationen des US-amerikanischen Biologen große Wellen. Für seine Ergebnisse hatte er erstmals konkrete Befragungen von Männnern und Frauen mit einem umfangreichen Fragenkatalog erhoben, der u.a. auch homosexuelle Erfahrungen einbezog – allein dies sorgte schon für große Entrüstung.

2004 veröffentlichte T.C. Boyle seine literarische Darstellung der Recherche-Phase Kinseys unter dem Titel Dr. Sex (Original: The Inner Circle). Erzählt wird aus der Perspektive eines fiktiven Mitarbeiters, John Milk, der zunächst noch als Student Interesse für Kinseys Forschungsgebiet enntwickelt. Er gehört dann später zum inneren Kreis derjenigen, die Daten erheben und auswerten. Pararallel dazu wird aber auch deutlich, dass Kinsey selbst durch seine hohen Ansprüche und seine ausgelebte eigene sexuelle Freiheit keine einfache Persönlichkeit war. Hier greift Boyle Gerüchte über   homosexuelle Beziehungen oder auch Gruppensex mit den verheirateten Partner innerhalb der Kinsey-Gruppe auf, die offiziell nie bestätigt werden konnten. Die Ehefrau John Milks ist es schließlich, wegen der es in einer Szene des Romans schließlich zu einem Bruch mit diesen Praktiken kommt und Milk seine eigene Positiion überdenken muss. Zentrale Frage ist nicht die nach der Normalität oder Moral verschiedener sexueller Handlungen, sondern eher die nach einer Trennung von wissenschaftlicher Arbeit und emotionaler Involviertheit. Vermissen lässt Boyle in seinem Roman eventuell eine Beleuchtung der Arbeitsweise und auch der Ergebnisse Kinseys. Auch die Frage nach der Bedeutung seiner Arbeit wird nicht beantwortet. Zwar wird Kinseys plötzlicher Erfolg nach seinen Veröffentlichungen kurz dargestellt, aber die gesellschaftlichen, politischen (z.B. für Homosexuelle) und wirtschaftlichen (in Hinsicht auf weitere Forschung) Folgen bleiben unerwähnt. So bleibt Dr. Sex eher eine sehr persönliche Beleuchtung eines fiktiven Kinseys – da wäre vielleicht mehr möglich gewesen…

Die Lesung von Jan-Josef Liefers hat mir gut gefallen, er setzt die durch den Erzähler John Milk von sich selbst geforderte Ehrlichkeit auch stimmlich gut um.

 

T.C. Boyle, Dr. Sex. Hörverlag 2005. 

Wednesday, July 20, 2022

Pink - Irrelevant

Nothing but irrelevant… 


The kids are not alright
None of us are right
I'm tired but I won't sleep tonight
'cause I still feel alive
The kids are not alright

None of us are right
I'm tirеd but I won't sleep tonight
'cause I still feel alive…

 

Sunday, July 17, 2022

Milan Kundera - Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Milan Kundera veröffentlichte seinen Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins 1984 aus dem französischen Exil, denn er kehrte nach einer Gastprofessur in Rennes ab 1975 nicht mehr in die Tschechoslowakei zurück. Die Themen, die ihn auch in diesem Roman beschäftigen, sind die universellen der Liebe und des Lebens, aber auch der Kommunismus in seinen ganz konkreten Erscheinungsformen.
Eher als Anlass für philosophische Überlegungen berichtet der durchaus nicht gerade zuverlässliche Erzähler die Geschichte von Teresa und Thomas. Ein mehrfacher Zufall bringt die Kellnerin und den Arzt im Prag der 60er Jahre zusammen. Obwohl Thomas Teresa liebt, ist er ihr in Serie untreu, er behauptet, seine erotischen Abenteuer zu brauchen. Die unsichere Teresa will weg von der Abhängigkeit zur Mutter, begibt sich aber statt dessen in eine neue emotional ungleiche Beziehung, wobei sie ihre Schwäche dazu benutzt, Thomas trotz allem an sich zu binden. 
Anhand der Protagonisten und einiger Nebenfiguren wird außerdem geschildert, wie die Ereignisse des Prager Frühlings und der daran anschließenden Zeit Einfluss auf das Leben Einzelner sowohl in der Tschechoslowakei als auch für Exilanten hatte. Kundera lässt seinen Erzähler außerdem phasenweise das Politische mit dem Philosophischen verknüpfen, indem er ihn reflektierend aus der Geschichte heraustreten lässt, die Beziehungen der Figuren analysiert und weitere Gedankengänge beispielsweise zum „Leichten und Schweren“ oder zu „Körper und Seele“ folgen lässt. 
Manche Überlegungen wirkten auf mich leicht esoterisch und wenig glaubhaft, anderes fand ich bedenkenswert. Mit dieser Art des Erzählers hatte ich allerdings so meine Schwierigkeiten, gewinnt man doch den Eindruck, seine Figuren seien für ihn zweitrangig und ihr Schicksal beliebig. Anrührend fand ich allein die Bedeutung, die der Hund Karenin für Teresa und Thomas erhält, auch wenn die Überlegungen zu Massentierhaltung und zur Philosophie (Nietsches Tierethik) dem wieder etwas störend entgegengestellt werden.
Insgesamt war Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins ganz und gar kein leichtes Leseerlebnis, sondern enthielt eher Schweres und Sperriges und war damit eine Begegnung, die ich nicht wiederholen muss. 


Milan Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Random House Audio 2015.

Saturday, July 16, 2022

Eduard von Keyserling - Wellen

Eduard von Keyserling (1855-1918) veröffentlichte seinen Roman Wellen 1911 in der Zeit des literarischen Impressionismus. 

Die Figuren des Romans befinden sich alle zur Sommerfrische an der Ostsee in eigens für sie eingerichteten Häusern, während die einheimischen Fischer und ihre Familien sich in Nebengebäude zurückziehen. Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist das aufsehenerregende Pärchen Doralice und Hans. Doralice hat ihren adligen Ehegatten verlassen, um mit dem Maler Hans zusammen sein zu können. Ihre Anwesenheit stört das gesellschaftliche Denken der Familien von Buttlär und Palikow, aufgrund der räumlichen Nähe am Strand begegnen sie sich jedoch zwangsläufig, was zu emotionalen Wirrungen führt, als die Töchter der Familie Doralice anhimmeln und der Verlobte einer der Töchter glaubt, sich in sie verliebt zu haben. Einzig der Geheimrat Knospelius scheint die Lage so hinzunehmen, wie sie ist, und sich mit allen gut verstehen zu wollen. Eine besondere Rolle fällt dem stets gegenwärtigen Meer zu, dessen titelgebende Wellen das Geschehen und vor allem die Stimmungen stark beeinflussen. Getreu dem impressionistischen Gedanken spielen die Wahrnehmung und der Ausdruck dieser Wahrnehmung – sei es in tatsächlichen Schilderungen oder in Träumen – eine gravierende Rolle. Die Darstellung des Meeres als natürlichem Protagonisten der Geschichte war sehr interessant, während mir Doralice als übernatürliche Schönheit, der alle erliegen, mir zu konstruiert und zu bedürftig erschien. Ihre Unzufriedenheit und ihr ständiges Bedürfnis nach Bestätigung wird schlussendlich durch das Meer abgestraft. 

Insgesamt ein recht lesenswerter Klassiker, der zu Unrecht wenig beachtet wird.

 

Eduard von Keyserling, Wellen. SZ Bibliothek Band 30, München 2004.

Monday, July 11, 2022

Sommer in Finnland: Ein Tag in Helsinki

Wenn man zum zweiten Mal in eine Stadt wie Helsinki kommt, kann man das ein oder andere an Sehenswürdigkeiten getrost am Wege liegen lassen und sich voll und ganz auf die persönlichen Vorlieben einlassen.

Das Amos Rex ist ein Kunstmuseum benannt nach seinem Gründer Amos Anderson, das aufgrund von Platzmangel am ursprünglichen Ort unterirdisch erweitert wurde (Eröffnung 2018) und eine beeindruckende Architektur aufweist. Die aktuelle Ausstellung heißt „Subterranean“ und befasst sich mit dem Unterirdischen auf vielfältige Weise. Vor allem gab es sehr spannende Skulpturen zu sehen.

Das Museum von außen…

…beziehungsweise von oben.


Auf halbem Weg nach unten

Der erste Ausstellungsraum

Down the rabbit hole… Bezug zu Alice im Wunderland!

Auguste Rodin


Blick nach oben, draußen…

Nach der Kunst startete die Tour durch Helsinkis Schreibwaren- und Buchläden, die Muminshops und natürlich war ich auch bei iittala und Arabia. 

Antiquariat


Academic Bookstore

…mit integriertem Muminshop.

Nach all dem Trubel klang der Tag dann an den ruhigen Ufern der Festungsinsel Suomenlinna aus. 

Stadtpanoramen von der Fähre aus (übrigens im Tagesticket des öffentlichen Nahverkehrs inklusive)




 



Sunday, July 10, 2022

Terry Pratchett - Der Zauberhut

Der Zauberhut von Terry Pratchett ist einer der frühen Scheibenwelt-Romane über die Charaktere der Zauberer. Der achte Sohn eines achten Sohnes, genannt Münze, wird als kreativer Magus geboren. Sein Vater ist voller Zorn, weil er einst von der Unsichtbaren Universität der Zauberer ausgeschlossen und verbannt wurde. Er überlistet TOD, indem er sich in seinen eigenen Zauberstab einschließt und diesen seinem Sohn vererbt. Als Münze zwölf Jahre alt ist, begibt er sich nach Ankh-Morpork, um Erzkanzler der Universität zu werden. Er beeindruckt und beschämt die dortigen Zauberer mit seiner ungebremsten magischen Kraft, für die er keine Zaubersprüche benötigt. Doch diese Kraft bringt auch das magische Gleichgewicht auf der Scheibenwelt durcheinander… 

Der einzige, der bemerkt, dass etwas ganz und gar nicht stimmt, ist ausgerechnet Rincewind – dessen Truhe aus intelligentem Biirnbaumholz mehr magische Fähigkeiten in einem Scharnier hat als er selbst. Wie immer gerät er ungewollt mitten ins Zentrum des Spektakels, in dem auch noch der Hut des Erzkanzlers, eine schöne Barbarin namens Conina und ein Möchtegernbarbar namens Nijel und dem vergnügungssüchtigen Herrscher von Al-Khali eine Rolle spielen. Natürlich hat auch TOD seinen Auftrittt und es wimmelt von diversen anderen schrägen Charakteren (e.g. ein Djinn, der für die Besprechung der Wunscherfüllung einen Termin für nächste Woche Dienstag ausmachen will und angezogen ist wie ein bekannter Disney-Djinn…). 

Die Lesung von Volker Niederfahrenhorst besticht durch eine gute Ausarbeitung der verschiedenen Charaktere/Stimmen mit unterschiedlichen Dialekten, Sprachfehlern und -färbungen – eine beachtliche Leseleistung! 

Dieser frühe Pratchett zeigt einmal mehr, wie genial der Autor mit den Bezügen zwischen seiner schrägen Scheibenwelt und den gesellschaftlichen Auffälligkeiten der realen Welt zu spielen weiß, die sprachliche Genialität und der Wortwitz funktionieren selbst in der Übersetzung (Andreas Brandhorst) – Lesefreude gararantiert. 

Terry Pratchett, Der Zauberhut. Schall und Wahn 2014.


Friday, July 08, 2022

Karan Mahajan - In Gesellschaft kleiner Bomben

In Gesellschaft kleiner Bomben ist ein Roman des indisch-amerikanischen Schriftstellers Karan Mahajan, der im Jahr 2017 für einiges Aufsehen sorgte und unter anderem als eines der „25 wichtigsten Bücher der Saison“ betitelt wurde  (Spiegel online). 

In Delhi explodiert auf einem Markt eine ‚kleine Bombe‘. Dabei werden die Brüder Khurana getötet, ihr Freund Mansoor überlebt – alle drei sind noch Kinder. Attentate wie dieses geschehen nicht selten, kurz berichten die Medien darüber, danach wird das Thema von einer anderen kleinen Tragödie abgelöst. Hier setzt Mahajans Idee an: Er verfolgt die Auswirkungen dieser einen kleinen Bombe auf das Leben der Menschen über Jahre hinweg. Er beginnt mit der akuten Trauer, die die Familie Khurana erfasst, ihren Selbstzweifeln und Depressionen, und schließt deren Auseinandersetzung mit den angeblichen Tätern ein, wobei immer die Unsicherheit bleibt, ob die indische Polizei, die als korrupt und folternd dargestellt wird, tatsächlich die richtigen verhaftet hat.

Doch auch Mansoor und seine Familie sind massiv betroffen, Schuldgefühle und Wut, aber auch bleibender psychischer und physischer Schmerz begleiten vor allem Mansoor über Jahre. Nach den Attentaten von 9/11 sieht sich der muslimische Mansoor auch zusätzlich Anfeindungen ausgesetzt, er will sich für einen gewaltfreien Protest einsetzen und schließt sich einer Aktivistengruppe an, deren Aktionen leider nicht den gewünschten Erfolg haben. 

Ein Mitglied der Gruppe, Ayub, mag sich damit nicht abfinden und sucht andere Wege. Hier webt Mahajan die Perspektive der Bombenbauer und Attentäter ein, beschreibt ihren Werdegang, ihre Erfahrungen im System, ihre Beweggründe.

Die kleinen Bomben wirken im Roman auf vielen Ebenen nachhaltig, prägen das Leben der Menschen – das der Opfer, der Überlebenden, der Angehörigen und der Täter, deren Leben nach dem Attentat ebenfalls vollständig verändert ist. Dabei hat der Autor für alle Empathie und schildert ihre Emotionen nachdrücklich. Hierin liegt sicherlich die Stärke des Romans, auch wenn ich manchen der Perspektiven eher unwillig gefolgt bin und mir nicht alle Protagonisten gefallen haben. Inhaltlich ist In Gesellschaft kleiner Bomben sicherlich ein interessantes und wichtiges Buch, als Leseerfahrung hatte es für mich persönlich einige Durststrecken, dennoch ist es gut, die Perspektivwechsel erfahren zu haben. 

Karan Mahajan, In Gesellschaft kleiner Bomben. Culturbooks, Hamburg 2017.